Theater

Mats Kjelbye

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Biographie

Kjelbye studierte Dramatisches Schreiben und Dramaturgie am Dramatiska Institutet. Er arbeitete als Schauspieler, schrieb für den Rundfunk und  drehte Kurzfilme. Für sein dramatisches Werk erhielt der Autor 1999 den Nöjesguidens Göteborgspris sowie Stipendien vom Dramatiska Institutet und von Schwedens Dramatikerverbund. 2000 begann er als Dramaturg in Göteborg zu arbeiten. 

Aktuell: Laudatio zur Verleihung des Baden-Württembergischen Jugendtheaterpreises 2008 für SOFTGUN:

Auf den ersten Blick ist es der Bericht eines Gewalttäters über seine Taten und was vor und nach ihnen kam. Beim Lesen steckt dann plötzlich immens viel drin in diesen knappen Sätzen. So viel an Kindheitserinnerungen, Machtposen und -Gefälle, so viele unerwartete Querverbindungen und so viel fiebriges Rasen. So  viel auch an schlauen und richtigen Gedanken zur Jugendgewalt zwischen Freizeitvergnügung und Notausgang, dass das Stück fast zum Lehrstück taugt. Doch gottlob, es ist keines, denn hier schreibt kein Auserklärer, sondern jemand, der ein Geheimnis zu wahren versteht. Zuletzt steht man als Leser voller Respekt und tief bewegt vor diesen prallvollen 24 Seiten, eine Menge Szenen flimmern noch lebhaft vor dem inneren Auge. Und man freut sich schon darauf, diesem Text auf der Bühne wieder zu begegnen.

Futter für die Erfindungskraft des Theaters zu liefern, das war eines der Dinge, die wir uns auch diesmal wieder von unserem Preisträger gewünscht haben. Dass uns ausgerechnet ein Monolog in dieser Hinsicht besonders weit entgegen kommen würde, hätte vorab wohl keiner gedacht. Doch wie viele Bilder lässt er entstehen an wie vielen Schauplätzen, wie viele Begegnungen lässt er zu, ohne jemals seine eigenen Pfade zu verlassen!

Mats Kjelbyes „Softgun“ ist ein Meisterstück genauer Beobachtung sowie sprachlicher und gedanklicher Präzision. Es besitzt einen fast hypnotischen Rhythmus, kluge Schnitte, geschickt aneinander montierte Szenen - und sogar Poesie zeigt sich, da, wo man sie am wenigsten erwartete: Im Herzen der nacktesten und sinnlosesten Gewalt. Dass sich das so auch im Deutschen überträgt, dafür ist nicht zuletzt auch der Übersetzer Dirk H. Fröse zu loben. 

Ed, der Ich-Erzähler, ist 10, 12, ist 13, 18 und 22 Jahre alt. Die Zeiten springen so wild durcheinander wie manchmal seine Assoziationen und Gelegenheitsausflüge in die Selbstbeobachtung. Sind so unberechenbar wie seine zahlreich auf ihn niederprasselnden Träume.

Ed ist derjenige, der in der Kuhle hinter Omas Haus mit seinem Bruder Fahrradrennen fährt, der zwischen Kindheit und Erwachsenwerden auf einer Spielplatzschaukel Zigaretten raucht, der sich selbst imposant findet, wenn ihn Typen registrieren, die zuhause sogar ein Mausergewehr haben. Ed ist der, der das Mädchen Alice liebt, aber nicht kriegen kann; der sein Innerstes in Gedichten ablegt und um seine Oma weint und um ihr zuschanden saniertes Haus. Und Ed ist auch der, der einen Jungen vor den Bus schubst und einen Unbekannten krankenhausreif prügelt. Nur so aus Spaß, aber mit allem Drum und Dran. Erst will er noch Mitleid für seine beim Prügeln verletzte Hand. Irgendwann liegt er selber blutend und röchelnd in einer Unterführung, seine falschen „Freunde“ über ihm. Und ganz falsch finden kann er das nicht. 

Beschreibung und Analyse, Sensibilität und waffenscheinpflichtige Adrenalingetriebenheit sind in „Softgun“ und seinem zwiespältigen Helden so virtuos miteinander verflochten, wie man dies selten erlebt. Das Stück macht traurig und immer trauriger, nimmt einem aber nicht die Hoffnung. Es ist schonungslos und einfühlsam zugleich. Es zeigt einen Einsamen, Sehnsüchtigen, manchmal auch Einsichtigen  - und es lässt uns im Unklaren darüber, ob es für ihn nicht schon zu spät ist. „Softgun“ verschont uns mit einfachen Lösungen, suhlt sich aber auch nicht selbstverliebt im Dreckloch Jugendgewalt wie andere Stücke, die möglichst effektvoll irgendwie aktuell sein wollen.

Elegant hält Kjelbye seinen Leser wie seine Hauptfigur auf mittleren Abstand voneinander. Man fühlt mit Ed, ohne ihn gleich nach Hause einladen zu wollen. Zu seinen ureigensten Vor-Verletzungen werden lediglich Spuren gelegt. Die sind deutlich genug um alleine weiter nach Gründen und Antworten zu fahnden.

Weil das Stück sprachlich so gelungen ist, fällt es schwer, nicht andauernd daraus zu zitieren. Einer meiner persönlichen Lieblingssätze ist dieser: „Ich lächle, aber ich bin kalt mitten in der Sonne.“ Da spricht oder denkt das Kind, das so gerne ein cooler Cowboy wäre. Da wird Abgestumpftheit beschrieben und es klingt poetisch.

Werke